Ori Brafman / Rom Brafman
Kopflos
Wie unser Bauchgefühl uns in die Irre führt – und was wir dagegen tun können
Campus, 2008
216 Seiten, gebunden, Euro 19,90
Best.Nr. 704 368
Die Brüder Ori und Rom Brafman (der eine Ökonom, de andere Psychologe) untersuchen (ähnlich wie Bas Kast und Gerd Gigerenzer) die „psychischen Unterströmungen“, die unser Verhalten jenseits von Logik und Vernunft beeinflussen. Während Gigerenzer jedoch die nach seiner Auffassung erstaunlich hohe Treffsicherheit von „Bauchentscheidungen“ in den Vordergrund stellt, wenden sich die Brafmans den Irrwegen zu. Sie zeigen, daß wir oft schnell Wertzuweisungen vornehmen, die sich bei näherer Betrachtung als unsinnig herausstellen – und trotzdem sehr langlebig sein können (das Beispiel vom Auswahlverfahren von Basketballspielern ist wirklich verblüffend). Oder daß wir uns von „Verlustvermeidung“ und Gerechtigkeitsempfinden zu eigentlich irrationalen Entscheidungen treiben lassen. Daß wir uns andererseits aber mit relativ einfachen Mitteln über die (Un)Gerechtigkeit einer Maßnahme hinwegtäuschen lassen. Sehr interessant ist auch das Kapitel mit der These, daß manche Verhaltensweise sich dadurch erklären läßt, daß es im Gehirn offenbar ein „Lustzentrum“ und ein „Altriusmuszentrum“ gibt, die in Konkurrenz zueinander stehen (auch wenn es hier nicht mehr im eigentlichen Sinn um intuitive Entscheidungen geht).
Das Buch führt zahlreiche Studien an, die das Vorgetragene empirisch untermauern; auf weitergehende theoretische Überlegungen, wie sie Gigerenzer anstellt, verzichten die Autoren hingegen. Im letzten Kapitel, das die möglichen „Gegenmaßnahmen“ erörtert, macht sich dies bemerkbar; der Tip, „die Dinge objektiv zu betrachten und keinen emotionalen Manövern und Moralurteilen zu erliegen“, ist nicht falsch, für die Praxis aber nutzlos. Denn wie uns die Brafmans zuvor auf knapp 200 Seiten unterhaltsam und lebensnah erzählt haben, sind wir genau in den Situationen, in denen wir uns diesen Hinweis beherzigen müßten, etwas kopflos...
G. Reinsdorf
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