Alan Posener
Benedikts Kreuzzug
Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft
Ullstein, 2009
269 Seiten, gebunden, Euro 18.-
Best.Nr. 704 470
Als im Januar 2008 der „Ferkelbuch“-Streit losbrach, schrieb Alan Posener in der konservativen Tageszeitung Die Welt einen Kommentar, der das religionskritische Kinderbuch zwar verurteilte, dessen kritische Einwände jedoch (im Gegensatz zu dem, was in der Frankfurter Allgemeinen und der Süddeutschen Zeitung zu lesen war) neben der polemischen auch eine sachliche Seite hatten. Auch sein Buch über Papst Benedikt XVI. bezieht klar Position und bemüht sich um sachliche Fundierung seiner Angriffe. Er hält dem „deutschen Papst“ vor, daß dessen gesellschaftspolitisches Programm in der Konsequenz „Abkehr von der Moderne, Rollback der Aufklärung, Einschränkung der Demokratie, Abschied vom wissenschaftlichen Denken, Schluss mit der Emanzipation der Frau und der sexuellen Selbstbestimmung der Menschen“ bedeute (S. 17). Und er begründet dies in den folgenden acht Kapiteln. Darin zeigt er, daß Joseph Ratzinger bereits in seiner Zeit als Chef der Glaubenskongregation Pluralismus als „Relativismus“ diffamierte; daß er die Vernunft unter „Aufsicht“ stellen möchte; daß er nicht die geringste Neigung zeigt, die Rolle der katholischen Kirche während des Faschismus kritisch zu hinterfragen und die Deutschen als von einer kleinen Verbrecherclique Verführte ansieht; daß die Rehabilitierung der Pius-Brüder inklusive des Holocaustleugners Richard Williamson folgerichtig aus Ratzingers Auffassungen (und dazu gehört u.a. eine „Schwerhörigkeit gegenüber den Juden und ihren Anliegen“) abgeleitet werden kann; daß er sich über die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften stärker erregt als über die Leiden der in katholischen Erziehungsheimen gequälten Kinder; daß seine Vorstellungen von Wissenschaftsfreiheit eher ins Zeitalter der Inquisition denn ins 21. Jahrhundert passen; daß er Begriffe wie Toleranz oder kulturelle Offenheit taktisch benutzt, also sie ablehnt oder einfordert, je nachdem, ob es der katholischen Sache dient; daß er zum Bündnis mit Islamisten bereit ist, wenn es gegen die Moderne geht; undsoweiter.
Fazit: ein gut lesbares, kenntnisreiches Plädoyer für die Verteidigung einer liberalen Gesellschaftsordnung gegen die Idee eines katholisch geprägten Gemeinwesens. Wer sich zudem weniger für die Biographie Joseph Ratzingers sondern für sein politisches Programm interessiert und eine gewisse Toleranz gegenüber antikommunistischen Spitzen mitbringt, wird von Poseners Buch gut bedient.
G. Reinsdorf
|